26.05.2024

Jesus schrie laut: Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du Mich verlassen.

Matth. 27,46. Christus hat diese Worte, welche der Anfang des 22. Psalms sind, am Kreuz nach der dreistündigen Finsterniß laut ausgesprochen; das Uebrige aber, das in demselben Psalm steht, ist die Summe Seiner Gedanken gewesen, die Er am Kreuz in Seinem Gemüth gehabt hat, ohne sie auszusprechen. Die Verlassung, über die Jesus klagte, litt Er, wie alles Uebrige, in Seiner menschlichen Natur, und hörte dabei nicht auf, Gottes Sohn zu sein. Er litt sie, als Er auf Sein heftiges Schreien und auf Sein Flehen keine Hülfe, ja nicht einmal eine tröstliche Antwort bekam, und als Sein Gott es so weit mit ihm kommen ließ, daß Er Sich ein Wurm und kein Mensch mehr zu sein däuchte, und als Er Ihn verspotten und verachten ließ, ohne den Spöttern und Verächtern Einhalt zu thun, V. 7.8.9. Der Heiland fühlte sich auch deßwegen von Seinem Gott verlassen, weil Er, der sonst mit einem lieblichen Gefühl hat sagen können: der Vater läßt Mich nicht allein, Er ist mir zur Rechten, Er ist mir nahe, jetzt sagen mußte: sei nicht ferne von Mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer, V. 12. Es überließ Ihn derselbe Seinen sichtbaren und unsichtbaren Feinden, und ließ denselben zu, einen fürchterlichen Grimm und grausamen Muthwillen wider Ihn auszuüben, V. 13.14.17.21.22. Was Seinen Leib anbelangt, so war er wie ein trockenes Gefäß, aus dem das Wasser ausgeschüttet ist, Seine Gebeine hatten sich bei dem Hangen am Kreuz und bei der Verblutung zertrennt, und waren in den Gelenken auseinander gegangen. Sein Herz war in Seinem Leibe wie zerschmolzen Wachs, und hatte keine Kraft, das noch vorhandene Blut umzutreiben. Seine Leibeskräfte waren vertrocknet wie ein Scherbe und Seine Zunge klebte an Seinem Gaumen, weil die Feuchtigkeit in Seinem Munde bei dem großen Durst zäh geworden war: und allen diesen Schwachheiten und Schmerzen, bei welchen kein anderer Mensch einen Augenblick hätte lebendig bleiben können, half der große Gott nicht ab, so lange die Verlassung währte. Er gab damals diesem Müden keine neue Kraft, sondern legte Ihn in des Todes Staub, das ist, Er ließ Ihn auf’s Empfindlichste spüren, was der Tod sei, ehe Er wirklich todt war, V. 15.16. Dabei genoß Er nicht einmal ein Mitleiden, das sonst ein schwaches Labsal in den Schmerzen ist, sondern merkte, daß man an der Magerkeit Seines entblößten Leibes eine feindselige Freude habe, V. 18. Er war ganz nackend, und mußte Seine Kleider theilen und verloosen sehen, wie es bei der Hinrichtung der Missethäter gewöhnlich war, V. 19. Er däuchte Sich in einer großen Gefahr zu sein, wie Einer, über den ein Schwert gezuckt ist, oder wider den grimmige Hunde losgelassen sind, oder den ein Löwe verschlingen will, oder den Einhörner zerstechen und zertreten wollen, V. 21.22., und hiebei darf man ohne Zweifel an den Satan und seine bösen Engel denken. so fühlte Sich der Messias Jesus in derjenigen Zeit, da Er von Seinem Gott verlassen war. Und dennoch blieb Er glaubig und sagte zweimal: Mein Gott. Er harrte in der reinsten Geduld aus, bis die heitern Gedanken in Seiner Seele entstunden, die Ps. 22,23-3. beschrieben sind. Wenn uns nun der HErr Jesus auch etwas Weniges von der Verlassung fühlen läßt, die Er erfahren hat, so wollen wir von denjenigen sein, welche durch Glauben und Geduld unter Seufzen und Flehen die Verheißung ererben. Mel.: Nun ruhen alle Wälder. 1.
Mein Heiland, der voll Wunden
In den drei finstern Stunden
Von Gott verlassen hing,
Und in dem Durst der Seelen
Bei dem geheimsten Quälen
Nicht einen Tropfen Trost’s empfing! 2.
Mein Heil, was soll ich sprechen?
Ich will in Worte brechen,
Die ich nicht sagen kann.
Was hast Du mir erlitten!
Was hast Du mir erstritten!
Was hast Du mir zu gut gethan! 3.
Du wardst von Gott verlassen,
Die Liebe schien zu hassen,
Gott schien nicht mehr Dein Gott.
O unbegreiflich’s Büßen
In tiefsten Finsternissen!
Das war noch mehr als Kreuz und Spott. 4.
Was kann ich? nichts als loben,
O Liebe, sei erhoben!
O Heiland, Dir sei Ruhm!
O Mittler, sei gepriesen!
Das, was Du mir erwiesen,
Macht mich Dein ewig Eigenthum.